Kollegiaten

Doktoranden

Sage Anderson [sage.anderson[at]nyu.edu]
Life in the Fewest Words: Timing Literary Brevitas from Maximes to Denkbilder

This dissertation, devoted to brevitas in French and German literature, aims to determine how the disproportionate expressive capacity of short form contributes to the emergence of literary modernity in a comparative context. Western rhetorical and scriptural traditions employ brevity primarily to demonstrate greatest wisdom (i.e., Seneca, Solomon). In subsequent literary forms – ranging here from French maximes of the 17th and 18th centuries to German Denkbilder of the early 20th century – brevity articulates different extremes. On the one hand, by virtue of smallness and plurality, short forms provide for the mimetic representation of finitude, transience, and the felt acceleration of lived experience. On the other hand, through newly calibrated conceptual processes, brevity allows for every singular work to initiate critical reflection without end. In these ways, relations of both direct and indirect proportion are established between length and impact of expression, as brevity facilitates literary assessment of excess and lack in modern times and spaces.

The dissertation is divided into four chronological chapters, each devoted to a different set of authors and texts. The first chapter deals with works by the French moralistes, specifically Pascal, La Rochefoucauld, La Bruyère, and Chamfort. In this context, sharply pointed observations of the contemporary present are compressed into short pensées, caractères, and maximes, entering social circulation in l'esprit de salon. The second chapter pursues underappreciated references to Chamfort into the fragments of Friedrich Schlegel and the Athenaeums-Group, where brevity as self-limitation is part of the frühromantisches project to activate reflective endlessness in the work of art. In the third chapter, I consider Nietzsche's aphoristic writings alongside the Petits poèmes en prose of Baudelaire, isolating the value of short form in their respectively untimely accounts of what is becoming of modernity. Finally, in my last chapter I look at the Denkbilder that make up Walter Benjamin's Einbahnstraße and Berliner Kindheit um 1900, asking what happens to literature when experience is folded into reduced-size thought-images that anticipate the future even while containing the recollected past.


Elizabeth Bonapfel [elizabeth.bonapfel[at]nyu.edu]
Modernist Punctuation: Expression Beyond Grammar

My dissertation asks what punctuation can tell us about modernism. My project combines theoretical questions from linguistics, narratology, and sound studies with archival methodologies from book history to argue that the use of experimental punctuation by modernist writers signals new registers of “voice,” temporality, and spatial orientation in modernist literature. Critical to my project is a mapping of the paradoxical effects of “voice.” The debate regarding the relationship between speech and language is at the core of twentieth-century linguistics, beginning with Saussure and the later Derridean deconstructionist paradigm that Mladen Dolar challenges. I argue that “voice” is a textual construction most vividly shown through punctuation. My work with Henry James and James Joyce draws on periodicals and manuscripts to trouble the boundaries between the “voices” of narrator’s writing and character’s speech. The poetry I discuss by Gertrude Stein (famous for her lack of punctuation) and e.e. cummings (known for his extreme use of punctuation) challenges the dominant model of all poetry as lyric poetry. How punctuation ruptures the singular “voice” of the lyric poetic persona through quotation, allusion, and intertextuality into multiple voices poses basic questions about every other aspect of the poem. I argue that the quintessentially “modernist” techniques of unreliable narrator, stream of consciousness technique, temporal fragmentation, and visual spatiality depend upon how an author uses punctuation in innovative ways.


Sebastian Edinger [Sebastian_Edinger[at]web.de]
Philosophische Anthropologie als Potenzialitätsdenken. Helmuth Plessners Transformation der klassischen Ontologie als Grundlage einer Theorie des Politischen

Ziel des Dissertationsvorhabens ist es gemäß der methodischen Anlage der Philosophischen Anthropologie Helmuth Plessners (1892 - 1985), als deren Ziel dieser in den Stufen des Organischen und der Mensch ausgibt, "den Menschen als geistig-sittliche und als natürliche Existenz auf Grund einer Erfahrungsstellung zu begreifen", die seinen naturphilosophischen Ansatz fundierende "Ontologie des Organischen" und die in Lachen und Weinen ihre Grundlegung erfahrende Rollentheorie als einen Zusammenhang zu entfalten. Die angestrebte Theorie des Politischen, die mit dieser Zusammenführung verschiedener Stränge von Plessners Gesamtwerk angestrebt wird, ist keine Theorie der Politik, sondern eine gleichermaßen naturphilosophische wie rollentheoretische Theorie der Bedingungen der Möglichkeit von Politik.

In einem vorbereitenden historisch-systematischen Schritt soll anhand der Relation von Akt und Potenz, die als Strukturierungsprinzip der klassischen Ontologien von Aristoteles, Thomas von Aquin und der in einer manifesten philosophischen Anthropologie mündenden Variante Edith Steins fungiert, elaboriert werden, dass Plessners Philosophische Anthropologie in vielen Motiven teils explizit, teils implizit mit den klassischen Entwürfen kommuniziert, sie aber strukturell zu einer triadischen Ontologie hin übersteigt und im Unterschied zur klassischen Ontologie den Primat der Potenz gegenüber dem Akt stark macht. Es soll gezeigt werden, dass gerade die als Relikt scholastischen Philosophierens geltende Akt-Potenz-Relation sich für die Philosophische Anthropologie als anschlussfähig erweist, die für diese gleichermaßen konstitutive Form-Materie-Relation bei Plessner jedoch durch die triadische Relation der Doppelaspektivität von Innen und Außen sowie der Mitte (Personalität) als Drittheit ersetzt wird.

Abschließend soll die Theorie in einem goßanangelegten Vergleich mit Theodor W. Adornos negativer Dialektik erprobt werden, die ebenfalls als eine Variante von Potenzialitätsdenken gelesen wird. Untersuchungsleitend ist dabei die Frage, ob nicht unter verschiedenen Vorzeichen und systematischen Voraussetzungen die philosophischen Entwürfe Plessners und Adornos in überraschender Weise sich als komplementäre Moderne-Kritiken lesen lassen.


Patricia Gwozdz [gwozdz[at]uni-potsdam.de]
Homo academicus goes Pop. Struktur und Genese des populärwissenschaftlichen Feldes und seine wissenssoziologische Literaturkritik.

1996 verkündete der New Yorker Literaturagent John Brockman in seinem Buch "The Third Culture. Beyond the scientific revolution" das Ende des literarischen Intellektuellen und seiner gesellschaftlichen Wirkungskraft. An seine Stelle tritt der (amerikanische) Naturwissenschaftler mit der Popularisierung empirischer Forschungsergebnisse: "The third Culture consists of those scientists and other thinkers in the empirical world who, through their work and expository writing, are taking the place of the traditional intellectual in rendering visible the deeper meanings of our lives, redefining who and what we are". Die hegemoniale Stellung der angloamerikanischen Wissenschaftskultur beschwört in dem Satz "America is now the seedbed for Europe and Asia" (Brockman) eine Intellektuellendämmerung herauf, die global zirkuliert, aber lokal regiert wird: Das Wissen der Wenigen, einer Elite, die vorrangig aus Harvard, Oxford und Cambridge rekrutiert wird, herrscht über das Leben der Vielen. Folgende Hypothese steht damit im Zentrum dieses Projektes: Das Wissen der Elite im Gewand des populären Schreibstils produziert ein Lebenswissen, das nicht nur zunehmend medial inszeniert wird, sondern bewusst in unmittelbare Konkurrenz zum literarischen Lebenswissen und seiner intellektuellen Trägerschaft, dem traditionellen Schriftsteller, tritt. Aus einer genuin literaturwissenschaftlich-komparatistischen Perspektive soll den lebenswissenschaftlichen Dispositiven der "Third Culture" und ihren populärwissenschaftlichen Werken (Popular Science Writing) nachgegangen werden. Wissenssoziologische Ergänzungen, die sich an dem Begriffsrepertoire Karl Mannheims und Pierre Bourdieus orientieren, sollen die "symbolische Benennungsmacht" (Bourdieu) der Akteure, die festlegen, was überhaupt als Lebenswissen zu gelten hat, sichtbar machen. Im direkten Vergleich mit den Poetologien des Lebenswissens in der Literatur soll nach den Bedingungen der Möglichkeit einer "sozial freischwebende Intelligenz" (Mannheim) gefragt werden. Ich verfolge eine literaturwissenschaftliche Standpunktkritik, die die populären Meta-Narrative der Biologie und Neurowissenschaften mit dem literarisch-friktionalen Erfahrungswissen der Bio- und Neuropoetologien destruiert, um die Hybris der Third Culture und ihre liminale Stellung zwischen Ideologie und Utopie offenzulegen.


Maximilian Haas [maximilian.haas[at]gmx.de]
Tiere auf der Bühne: eine ästhetische Ökologie der Performance

Wesen und Verhältnis von Mensch, Tier und Ding in der abendländischen Kultur sind aktuell problematisch und also thematisch, dafür finden sich zahllose Indizien in Kunst, Philosophie und Politik/Recht. Die Grenzen zwischen den Seinsbereichen werden neu gezogen bzw. delinearisiert und kompliziert. Was hier zur Verhandlung steht, ist v.a. die Verteilung der Attribute aktiv und passiv sowie der Kompetenz zu Handlung. Sowohl bezüglich politischer und rechtlicher Praxen und Institutionen, als auch in der Kunst und hier speziell auf dem Theater gilt ein Handlungsimperativ humanistischer Provenienz. Wer dort nicht im Sinn dieses Imperativs handelt, kann nicht protokollarisch erscheinen, wer nicht in diesem Sinn aktiv ist, ist notwendig passiv und kann nur als Attribut eines Aktiven die Bühne betreten. Die juristische Definition von Person und Sache, die symptomatisch für die Auffassung der Moderne ist, und auch in den Bereichen Politik und Kunst (zumal des Theaters) gilt, lässt für die erste Kategorie nur Menschen zu, die somit Träger von Rechten und Pflichten sind. Die zweite fasst alle anderen Wesenheiten, die somit einer Person unterstellt sind, die für sie haftet, verantwortlich ist.

Die Performance-Kunst ist auf der Grenze von Theater und bildender Kunst situiert. Im Hinblick auf ihre Geschichte, ihre Institutionen, ihre Aufführungsarchitekturen, die disziplinären Hintergründe ihrer Protagonisten usw. ist sie zwischen Black Box und White Cube aufgespannt. Gerade hier gelangen Performer und Objekte, menschliche und nicht-menschliche Akteure in eine prekäre Nähe. Im Wesen der Performance-Kunst besteht eine Unschärfe, die aus der Überlagerung zweier Repräsentationsräume, dem Theater als Ort der Aufführung lebendiger, menschlicher Darsteller und dem Ausstellungsraum als Ort der Exposition unbelebter, nicht-menschlicher Dinge, resultiert. Lebende Tiere stellen eine brisante Schwellenfigur dar: Sie sind weder Performer noch Exponat und verwandeln ein Museum in eine Bühne und ein Theater in einen Zoo. Die Performance-Kunst ist folglich die geeignete Bühne, darauf das Wesen nicht-menschlicher Akteure zu studieren.

Wie muss Performance konzipiert bzw. rezipiert werden, dass Tiere, diese Anderen des selbst-bewussten, selbst-transparenten, intentional handelnden menschlichen Subjekts als Ursachen und Teilhaber von Performance-Handlung zu erkennen sind? Zur Verhandlung steht hier also ein Begriff von Handlung, der diese nicht einseitig dem menschlichen Subjekt zuschreibt, das seine Objekte behandelt, sondern der deren Beiträge zu Handlung (als kollektiver Prozess verstanden) berücksichtigt. Die Situation der Performance erscheint dabei als eine Konstellation von Elementen, menschlichen wie nicht-menschlichen, die in Relationen stehen und gemeinsam Handlung generieren bzw. sind. In Analogie zu Bruno Latours Konzept von politischer Ökologie soll diese Co-Autorschaft von Performance-Handlung in Begriffen einer ästhetischen Ökologie beschrieben werden, als Handlungsökologie der Performance.

Ziel der Arbeit ist die Entwicklung eines Vokabulars bzw. einer Methode, die erlaubt, die Interaktion von menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren in Performances symmetrisch zu beschreiben, d.h. diese nicht einseitig aus Perspektive des menschlichen Akteurs aufzulösen, und also: die Entwicklung eines Modells von Performance, das den Beitrag von nicht-menschlichen Akteuren zu Handlung betont bzw. überhaupt erst sichtbar macht. Dabei möchte ich den in humanistischer Tradition allzu anthropozentrisch konzipierten Begriff von Handlung in den Performance Studies kritisieren und Konzepte aus Ontologie, Soziologie und Wissenschaftsgeschichte (Actor-Network-Theory, Science and Technology Studies, Pragmatismus, Spekulativer Realismus) für die Analyse von Performances fruchtbar machen. Dabei werden auch die Problemfelder Künstlerische Forschung und Experiment (in wissenschaftstheoretischer wie in künstlerischer Hinsicht) behandelt. Der Diskurs ist fundiert in der Philosophie A.N. Whiteheads.

Performance wird dabei weniger in zeitlichen Begriffen von Ereignis, Entwicklung, Verlauf gedacht, sondern in räumlichen Begriffen (die aber Dynamik implizieren), nämlich: Situation, Konstellation, Ökologie. Die Linearität des Ablaufs wird zugunsten der Verteilung der Elemente (bei gegenseitiger Affektion) und folglich einseitige Kausalität zugunsten eines Sich-Aneinander-Ausbildens (Co-Becoming) der Elemente (also Mensch, Tier und Ding) zurückgestellt – dabei wird ein pragmatischer Zugang zum Verständnis, zu Funktion und Bedeutung der Elemente einer Performance angestrebt: Was ein Element tut und wie es sich zeigt, bestimmt als was es erscheint. Es geht also um die Wirk-lichkeit von passiven Menschen, Tieren und Dingen in der jeweiligen Situation, kategoriale Vorentscheidungen über deren Wesen sollen in diesem experimentellen Verfahren unterlaufen werden.


Jakob Christoph Heller [jakob.heller[at]gmx.net]
Techniken der Idylle. Rhetorik und Politik einer Gattung, ca. 1730–1790

Das Promotionsprojekt widmet sich der Artifizialität einer Gattung, die bis hinein in die literaturwissenschaftliche Forschung über ihre 'Natürlichkeit' ausgezeichnet ist: der Idylle, jenem für das 18. Jahrhundert zentralen Kreuzungspunkt literarischer, politischer und anthropologischer Diskurse.

Dazu werden drei Schauplätze eröffnet: Erstens wird die Stellung der Idylle in den Gattungspoetiken des 18. Jahrhunderts (Batteux, Gottsched, Breitinger, J. A. Schlegel, J. J. Engel) in den Blick genommen. Abgeleitet von den Hirtenliedern soll sie die 'Naturform' der Poesie darstellen. Garant ihrer Stellung aber ist die rhetorische Verbergung ihrer poiesis; im sich naturhaft gerierenden System der Gattungen wird sie so zu einem prekären Fundament.

Zweitens untersucht die Arbeit am Beispiel Salomon Geßners, der der Forschung zum Neueinsatz der Gattung wurde, die latenten Reste rhetorischer und bukolischer Tradition in der empfindsamen Idylle. These ist, dass Geßners Idyllen paradoxerweise eine Reprise der höfischen 'sprezzatura' im bürgerlichen Gewand inszenieren. Drittens schließlich soll am Beispiel Jean-Jacques Rousseaus die zeitgenössische Reflexion der Technizität der Naturalisierung untersucht werden. In Rousseaus 'Nouvelle Héloïse', seinen 'Rêveries' und im 'Émile' offenbart sich die Ambivalenz des Empfindsam-Idyllischen zwischen Desubjektivierung und Machttechnologie.


Emanuel John [em.j.john[at]googlemail.com]
Vernünftige Gründe und personales Leben

In diesem Projekt geht es darum zu bestimmen, was Personen als Wesen, die aus Gründen handeln, ausmacht. Ziel ist dabei zu erklären, inwiefern Personen sich einerseits vom Standpunkt der Vernunft selbst-konstituieren, andererseits aber nur unter bestimmten materiellen Bedingungen handeln können.

Die zentrale Frage des ersten Teils ist, wie die Kriterien guter, vernünftiger Gründe zu denken sind. Die Antwort auf diese Frage wird in Auseinandersetzung mit folgenden Themenkomplexen diskutiert: (1) Es gilt zu zeigen, ob Kriterien für vernünftige Gründe in den materiellen Bedingungen des Gedeihens personalen Lebens oder im Maßstab für dessen Vollkommenheit liegen. (2) Ein weiteres Thema stellt das Problem des moralischen Bösen dar. In Auseinandersetzung mit diesem Thema zeigt sich, ob die Kriterien für vernünftige Gründe allein in den Setzungen einer Person liegen oder ein Begriff des höchsten bzw. absoluten Gutes vorausgesetzt werden kann. (3) Des weiteren gilt zu untersuchen, wie eine Person von dem Standpunkt aus, der gute, vernünftige Gründe bestimmt, ein Wissen um die Bedingungen erlangt, unter denen sie auch aus guten Gründen handeln kann.

Im zweiten Teil dieses Projektes wird herausgearbeitet, wie aus der Perspektive des im ersten Teil erarbeiteten normativen Standpunktes, die Lebensvollzüge von Personen im Kontext von Lebensformen begriffen werden können. Folgende Aspekte sind dabei wesentlich: (1) Es gilt darzustellen, auf welche Weise eine Person ein Wissen von Ihren Bedürfnissen hat und wie diese im Lichte vernünftiger Gründe betrachtet werden. (2) Außerdem wird diskutiert, inwiefern vernünftige Gründe mit anderen Personen geteilt werden können. Dabei gilt es das Problem zu diskutieren, dass Personen zwar in ihrer Vernünftigkeit geeint sind, aber unter den Bedingungen verschiedener Lebensformen leben. Im Austausch und im Bezug auf den Anderen wird das Wissen um die eigenen Lebensbedingungen entwickelt und somit der Standpunkt der Vernunft, der für vernünftige Gründe konstitutiv ist, entfaltet.


Lena Ljucovic [lena.ljucovic[at]uni-potsdam.de]
From self-knowledge to knowledge of the self

As this provisional working title suggests, my project circles around two general topics: self-knowledge and knowledge of the self. While it is the overall aim of my dissertation to show that these topics, broadly speaking topics concerning self-discovery or journey to myself on the one, and topics regarding knowledge that I have of my mental states, which are prevalent in contemporary philosophical discussion on the other hand, are not dealt with under the same heading accidentally or on grounds of some minor resemblances, the two main subgoals are to (1) develop a hybrid account of self-knowledge and (2) to relate it to questions of personal identity. Accordingly, the dissertation divides into two parts.

Knowledge of one’s own sensations, desires, intentions, beliefs, and other mental states is essentially different from other kinds of knowledge: it is characterized by immediacy, authority, and is not based on observation, evidence or inference. Further, it is widely assumed that one’s knowledge of one’s sensations is different from one’s knowledge of one’s desires, and one’s knowledge of one’s desires from one’s knowledge of one’s beliefs, and so on. Now, only a few think that these differences lead to a rejection of the epistemic asymmetry assumption, according to which all knowing of my present mental states is distinctive or special in that it differs essentially from my knowing others or the external world. But also amongst those, who do not reject the special status of self-knowledge, there are profound disagreements concerning the scope and degree of the differences in knowing distinct mental states. While some philosophers recognize the differences, but hold on to one criterion that renders knowing all these mental states different from knowing the external world (Dorit Bar-On, David Finkelstein, Alex Byrne, amongst others), others take these differences more seriously by vindicating the hybridity assumption (Matt Boyle, Richard Moran). In the first part of my dissertation I will defend the hybridity assumption and develop an account of self-knowledge that is hybrid on two levels: First, the distinctiveness of each kind of knowing has to be explained differently and separately and second, the account is hybrid insofar as aspects of different theories are brought together in order to capture the differences in knowing distinct mental states.

With a hybrid account of self-knowledge in place, the second part of my dissertation will elaborate on the question as to whether we can have genuinely first-personal self-knowledge of our past mental beliefs and deeply entrenched or even resistant beliefs. I take both, my relation my past mental states and my relation to deeply entrenched beliefs to be of great relevance to questions of personal identity. More precisely, to the question of diachronic identity, the question of who I am as well as to the question of what makes my mental states mine. Here, I will draw on self-constitutionist theories put forward by Harry Frankfurt and Christine Korsgaard. Now, on the transparency view of self- knowledge (Moran), my deliberative or practical relation toward myself is purely first-personal andmakes for the asymmetry between self-knowledge and other-knowledge. This implies that any self- observation is excluded from this practical self-relation. I attempt to question this clear-cut distinction by pointing to ways in which we express self-knowledge that is neither practical in the narrow sense, nor purely third-personal (self-knowledge of past mental beliefs and deeply entrenched ones). The two parts of my dissertation are insofar connected as I take these to be possible consequences of a clear-cut distinction between practical and theoretical self-knowledge (these are not necessary consequences, for an account of self-knowledge of present mental states need not be extended to self-knowledge of past mental states, however if we want to supplement the former with the latter they need to be compatible): A subject relates to (1) her sensations, (2) her deeply entrenched and resistant beliefs, (3) the states she is alienated from and (4) her past mental states as mere facts about herself. While it is the task of Part I (Expressing Pain and Knowing Beliefs) to avoid consequence (1), the other three mark the point of departure of Part II (Knowledge of the Self)..


Thijs Menting [thijsmenting[at]googlemail.com]
Anticipating Conceptual Apprehension: An Inquiry into the Reflective Power of Judgment.

This dissertation aims to elucidate the role of the so-called reflective power of judgment. This faculty is introduced by Immanuel Kant in his Critique of Judgment (CJ) and could be described as the faculty directed to the formation of empirical conceptual content in order to secure the unity and coherence of experience. Although a fair deal of valueble interpretations (Zuckert, Ginsborg, e.a.) of the CJ have been made available in the last couple of years, it is still an open question what kind of work this faculty is supposed to carry out, not least in respect to the set-up in the first Critique. Furthermore, since every act of this faculty is guided by the principle of purposiveness, it needs to be determined what exactly is the status of this principle from a transcendental point of view. My suggestion in a nutshell claims that the anticipation of empirical conceptual content is a necessary condition for a responsive epistemic relation to empirical objects of experience. As I hope, this inquiry will contribute to the fruitful scholarship on the third Critique in general and the Kantian account of reflection in particular.


Karsten Schöllner [kschoellner[at]googlemail.com]
„Die Semantik ästhetischer Begriffe“

Mein Projekt untersucht das philosophische Problem der Normativität des Geschmacks im allgemeinen und fokussiert auf die Semantik einer bestimmten Klasse von ästhetischen Urteilen, nämlich Urteilen mit den eigentümlichen ästhetischen Begriffen wie “elegant”, “grell”, “abgedroschen”, “zierlich”, “duster”, usw. Geschmack im wörtlichen Sinne ist ein Wahrnehmungssinn und als solcher stellt es einen objektiven Zugang zu den Eigenschaften von Gegenständen dar, wie wenn man den Kloblauch in der Soße rausschmeckt. Andererseits gehört zum Geschmack ein Gefallen und Misfallen an den Gegenständen, weshalb man sagt: über Geschmack lässt sich nicht streiten. Aber es gibt ganze Diskurse der ästhetischen Kritik wo man versucht durch Argument das Gefallen der Anderen zu beinflussen und zu lenken, also kurz: wo man sich über Geschmack streitet. Dieser Streit scheint vorauszusetzen, dass Geschmack sich begründen lässt und dass es falsche und auch richtige Antworten geben kann; insofern wirft es das philosophiche Problem auf, wie Urteile, die auf Gefühle basieren, Richtigkeitsmaßstäbe unterliegen können. Mein Projekt nimmt noch einen dritten Aspekt des Geschmackvermögens in Blick, nämlich den Sinn für ästhetische Qualitäten, wo die Verzahnung von Erkenntnis und Affektivität am meisten akut wird. Das Urteil, etwas sei elegant, wie das Urteil über den Knoblauch in der Soße, ist eine Beschreibung des Gegenstandes und scheint einfach richtig oder falsch zu sein, je nach dem ob die Beschreibung dem Objekt zukommt oder nicht; es unterscheidet sich insofern von dem Urteil „es gefällt mir“ als die Wahrheitsbedingungen für das Urteil wirklich in dem Gegenstand liegen und nicht in der idiosynkratischen Reaktion des Subjekts. Andererseits aber scheint die Qualität der Eleganz, im Gegensatz zum Knoblauch, einen internen Zusammenhang mit unsereren Gefühlsreaktionen zu haben: die Bezeichnung „elegant“ ist zugleich pro tanto eine positive Bewertung des Gegenstandes, und man könnte meinen, der Unterschied zwischen Eleganz und Pompösität, z.B., könnte in einem bestimmten Fall nur darauf ankommen, ob das Ding gefällt oder nicht; die vermeintlich objektive Beschreibung scheint ein bestimmtes Gefühl zu implizieren. Es wird sich zeigen, dass Urteile mit ästhetischen Begriffen vier prima facie widersprüchliche semantische Merkmale aufweisen können, nämlich 1) die Objektivität, d.h. dass die Wahrheitsbedingungen des Urteils im Gegenstand liegen und nicht in dem Subjekt; 2) der affektive Internalismus, d.h. dass Affekt und Bewertung dem Urteil intern sind; 3) die Normativität, d.h. dass wir alle einen Konsens in unseren ästhetischen Beschreibungen anstreben und versuchen, Anderen zu unserer Meinung zu bringen; und 4) die Autonomie ästhetischer Urteile, also dass jedes Individuum solche Urteile nur für sich selbst fällen kann statt sie auf Experten oder Umfragen zu verschieben. Ich hoffe das Zusammenbestehen dieser Merkmale dadurch zu erklären, dass solche Urteile eine Realität beschreiben, aber eine eigenständige kulturelle Realität, eine konstruierte Sichtweise die sich aus der Lebensform einer Gemeinschaft bildet und unter anderem eine Funktion typischer Gefühle ist. Ich arbeite meine Theorie mit Hilfe von drei historischen Figuren heraus: David Hume, der in „On the Standard of Taste“ versucht hat, die Objektivität und affektiven Internalismus von Geschmacksurteile zu versöhnen, und der in „An Enquiry into the Principles of Morals“ erklärt hat, wie wir Wahrheitsmaßstäbe für Geschmacksurteile durch die menschliche Lebensform und durch die Konversation und Interaktionen mit Anderen bilden können; Ludwig Wittgenstein, der ein reichhaltige postempiristische Auffassung der Normativität und der Begriffsbildung liefert und dessen Diskussion vom Aspektsehen und Sehen-Als helfen soll, die Normativität und Autonomie ästhetischer Urteile zu erklären; und der Dichter Wallace Stevens, der in seinen poetologischen Essays darüber nachdenkt, wie die Vorstellungskraft so mit der Realität verwoben ist um eine zweite Realität der ästhetischen Gemeinschaft zu bilden, wie und unter welchem historischen Druck diese Weltsicht geändert wird und gerade in Zeiten des Modernismus Verlüste erleidet, wie das Gedicht auf so eine Weltsicht rekuriert, und mit welchen Mitteln der Dichter hofft, diese Weltsicht herzustellen und zu erneuern.


Tim Sparenberg [tim.sparenberg[at]hotmail.de]
“Schreiben an der Grenze zur Erschöpfung. Die Poetik der Kraft, Müdigkeit und Entropie in der Literatur der klassischen Moderne”

“Schreiben an der Grenze zur Erschöpfung. Die Poetik der Kraft, Müdigkeit und Entropie in der Literatur der klassischen Moderne” (Arbeitstitel)

Das Projekt untersucht den Zusammenhang von literarischer und industrieller Moderne entlang des Energieerhaltungs- und des Entropiesatzes. Diese breiteten sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts dem Philosophen Michel Serres zur Folge schnell "über den gesamten Bereich der Arbeit, der Welt und der Texte" aus und brachten "ein neues, so prägnantes und globales Paradigma hervor, daß wir es noch gar nicht voll erkannt haben, obwohl wir seit mehr als einem Jahrhundert darin leben, arbeiten und denken". Dabei wird einerseits erstmals herausgearbeitet, wie der physikalische Energiebegriff durch die Rhetorik und das Konzept der ,ästhetischen Kraft' bzw. 'Energie' (vgl. Christoph Menke, Michel Delon) vorbereitet wurde. Ausgehend besonders vom Werk Franz Kafkas, Thomas Manns, Robert Musils, Hermann Brochs und Gottfried Benns, vollzieht es andererseits nach, wie die Ästhetik der klassischen Moderne dann wiederum die physikalischen Konzepte von Energie und Entropie aufnimmt. So wird nicht nur spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts das Problem der künstlerischer ,Produktivität' und ,Arbeit' vor dem Hintergrund der Metapher des ,menschlichen Motors' (Anson Rabinbach) diskutiert, auch Frage der Form ist seitdem nicht mehr zu trennen von den Debatten um Kraft, Kraftlosigkeit, Ordnung und Unordnung. Während das Projekt so zum einen die Anverwandlung zeitgenössischer biopolitischer Effizienzimperative durch die Künstler der literarischen Moderne nachzeichnet, konzentriert es sich gleichzeitig aber besonders auch darauf, wie die Künstler diese Programme gerade durch die Affirmation der Nicht-Produktivität, durch Poetiken der Verschwendung, der Erschöpfung und Suspension konterkarierten. So wird das Schreiben an der Grenze zur Erschöpfung zu einer Grundsignatur künstlerischen Selbstverständnisses in der Moderne.


Philipp Weber [philipp-weber[at]gmx.de]
„Astronomie und Kosmologie in der deutschen Romantik“

Das Dissertationsvorhaben untersucht die diversen astronomischen und kosmologischen Konzeptionen im Umkreis der deutschen Frühromantik. Im Zentrum der Untersuchung stehen dabei die Konnexionen sowie wechselseitigen Vermittlungen der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse mit den idealistischen Selbstbewusstseinstheorien sowie dem Projekt einer romantischen Universalwissenschaft.
In den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts kommt es im Zuge neuer technischer sowie wissenschaftlicher Errungenschaften zu einer Hochphase im Bereich der Astronomie. Ausschlaggebend hierfür waren vorbereitende Schriften von u.a. William Herschel, Pierre-Simon Laplace und Johann Heinrich Lambert, die mithilfe der Newtonschen Gravitationslehre umfassende Darstellungen des Kosmos sowie seiner Genese lieferten. Die ersten modernen Observatorien werden in diesen Jahren gebaut, so etwa in Gotha, wo 1798 der erste europäische Astronomiekongress stattfindet. Die Begeisterung für die neuen Erkenntnisse im Bereich der Himmelskunde gelangt so auch nach Jena, wo Novalis im selben Jahr in seinem Allgemeinen Brouillon phantastische Verwandtschaften entwirft: „Metaphysik und Astronomie sind Eine Wissenschaft“. So dient die Anschau des Universums in spezifischer Weise als Projektionsfläche diverser romantischer Ideen: Der astronomische Blick erwirkt eine gewaltige Tiefenproduktion, einen bodenlosen Raum, der dem Denken sowohl ein Absolutes anschaulich zu vermitteln scheint wie auch Techniken visueller Selbstreflexion ermöglicht. Unergründliches Subjekt und unendlicher Kosmos gehen dabei ein inverses Wechselverhältnis ein.


Postdoktoranden

Diana Abad [diana.abad[at]uni-dortmund.de]
Self-realization and the Good Life

Worin das gute Leben besteht, ist eine der großen Fragen der Philosophie – zu groß, als dass ich sie in meiner Habilitation beantworten könnte. Ich gebe mich mit weniger zufrieden: Ich will nur eine Sache untersuchen, von der ich glaube, dass sie ein Leben gut machen kann, Selbstverwirklichung. Selbstverwirklichung ist leider ein schwammiger Begriff, der heute vor allem in Titeln von Selbsthilfebüchern vorkommt, was nicht gerade weiterhilft. Mir geht es um ein Verständnis dieses Begriffes, nach dem es darauf ankommt, sich selbst kennenzulernen, etwas zu finden, was zu einem passt, sich dies am Herzen angelen sein zu lassen, und es dann zu tun. An dieser Stelle gilt es, die gängigen Theorien des guten Lebens zu dahingehend zu untersuchen, Wunscherfüllungstheorien, Hedonismus, und Objektive Listen-Theorien, inwieweit sie Raum für Selbstverwirklichung in diesem Sinne schaffen.

Wunscherfüllungstheorien sind vorherrschend in den empirischen Wissenschaften wie etwa den Wirtschaftslehren und Soziologie, aber auch in der Psychologie. Prominentester philosophischer Vertreter ist sicher John Rawls. Nach diesen Theorien kommt es darauf an, dass eines Wünsche erfüllt werden. Trotz seiner Prominenz jedoch werde ich aufzeigen, dass dieser Erklärungsansatz nicht greift, da "sich wünschen" nicht unmittelbar übersetzbar ist in "sich am Herzen angelegen sein lassen", und darüber hinaus auch informiertes rationales Wünschen nicht garantiert, dass es gut für eines Leben ist zu bekommen, was man sich so wünscht. Der Hedonismus war lange totgesagt und erlebt in den letzten etwa fünf Jahren eine Renaissance durch einflussreiche, kontroverse Arbeiten von Fred Feldman und Roger Crisp. Demnach liegt der Wert der Selbstverwirklichung darin, dass sie zu einem freudvolleren Leben führt. Die Liste der Einwände gegen Hedonismus ist lang, allerdings bin ich für die Zwecke meiner Arbeit noch nicht zu einem abschließenden Ergebnis gekommen, warum genau er zur Erklärung nicht taugt. Es wird wohl in die Richtung gehen, dass Hedonismus durchaus wichtige Erkenntnisse liefert und, soweit er geht, auch richtig ist, aber dass er eben nicht weit genug geht und keine genügend reichhaltige Erklärung des Phänomens, das ich untersuche liefern kann. Bleiben Objektive Listen-Theorien. Diese gehen davon aus, daß ein Leben umso besser ist, je mehr Güter, die Menschen objektiv, d.h. unabhängig von ihren mentalen Einstellungen dazu, zum guten Leben brauchen, darin enthalten sind. Ich gehe davon aus, dass es tatsächlich eine Theorie dieser Art, vor allem in den Versionen von Martha C. Nussbaum und Richard Kraut, möglicherweise sinnvoll ergänzt durch die Erkenntnisse des Hedonismus, ist, die das Phänomen, das ich im Auge habe, am besten erklärt werden kann. Das Problem hier besteht darin aufzuzeigen, um was für ein objektives Gut es sich bei Selbstverwirklichung genau handeln könnte, da es offensichtlich nicht um eines der Güter, die Nussbaum und Kraut auf ihren Listen aufzählen, handeln kann. Um also genau herauszufinden, was Selbstverwirklichung genau ist, taugt am besten die Abgrenzung zu einem vielversprechenden Alternativkonzept des Phänomens, das auf Bernard Williams zurückgeht und von Philippa Foot und Monika Betzler ausgearbeitet wurde, nämlich dass Selbstverwirklichung darin besteht, ein persönliches Projekt in sein Leben zu integrieren und so, in ihren Worten, dem Leben Sinn zu verleihen. Das Problem mit diesem Ansatz ist, dass er inhaltlich offen lässt, um welches Projekt es sich jeweils handeln soll. So wird es willkürlich, welches Projekt ich wähle; es scheint nur darauf anzukommen, dass ich überhaupt eines verfolge. Das ist jedoch zu schwach, um erklären zu können, dass dadurch mein Leben wirklich besser werden könnte. Ich hingegen nehme Selbstverwirklichung wörtlich, was den Vorteil hat, zu einer individuell angepassten inhaltlichen Bestimmung dessen zu führen, was jemand tatsächlich tun soll, um ein besseres Leben zu führen.

Ich gehe also davon aus, dass wir ein realistisch bestimmtes robustes Selbst haben (Rorty & Wong, Kristjánsson, Goldie), das es gilt kennenzulernen, damit man sein Leben danach ausrichten kann, anstatt einfach irgend etwas zu tun. Es nutzt also nichts, einfach nur das persönliche Projekt sich zu eigen zu machen, Klavier spielen zu lernen. Das bringt nur etwas, wenn man denn auch ein musikalisches Talent hat. Aber auch das reicht nicht, denn Klavier zu spielen, wenn man das Talent dazu hat, macht ein Leben nicht gut, wenn man es hasst. Dieses Ergebnis werde ich dann auch an fiktiven Beispielen wie Filmen und Romanen, z. B. Groundhog Day, Good Will Hunting, Patricia Highsmiths The talented Mr Ripley überprüfen. So kann man also Selbstverwirklichung, wie ich sie verstehe fassen: Man verwirklicht sich selbst, wenn man etwas findet, was zu einem passt, sein Herz daran hängt, und es tut. Und dann ist man dem guten Leben zumindest einen Schritt weitergekommen.


Malte Wessels [mwessels[at]jhu.edu]
Laokoons Schwester - die Zeit Phrynes

Als die griechische Hetäre Phryne der Hybris sich mit Venus gleichzustellen angeklagt wird – so eine Überlieferung – entblößt ihr Verteidiger Hypereides in der Verhandlung ihren legendär schönen Körper und liefert so das schlagende Argument, das die Richter sprachlos macht. Phryne verdankt dieser Episode ihre Prominenz als Figuration des Endes der Rhetorik oder der Fortführung der Rhetorik mit anderen Mitteln. Gleichwohl verstellt diese punktuelle Prominenz die Komplexität der Figur im literarisch-theoretischen Diskurs des 17. und 18. Jahrhunderts und reduziert ihr Fortleben auf die Faszination eines attischen Skandalons oder Klischeefigur weiblicher Schönheit.

In meiner Arbeit zu Phryne im 17. und 18. Jahrhundert geht es mir darum, andere diskursive Perspektiven auf die Figur freizulegen. In einem ersten Schritt werden die 'phryneschen Thematiken' Mutterschaft, Genealogie und Grenzen (Phryne bot an, den Wiederaufbau der durch Alexander zerstörten Stadtmauern Thebens zu finanzieren) untersucht. Vom Begriff der Grenze ausgehend will ich dann im weiteren die Möglichkeiten erkunden, Phryne als eine Grenzfigur zwischen Empirie und Theorie zu lesen und dabei vor allem das Problem einer mit Leben erfüllten Zeit in der Literatur in den Blick nehmen. Ist Phryne, so frage ich, vielleicht Laokoons vergessene Schwester?


Assoziierte Mitglieder

Dr. Konstanze Baron[konstanze.baron[at]izea.uni-halle.de]
Aufklärung als Lebensform? Biographische Literatur und philosophisches Selbstverständnis im 18. Jahrhundert

Forschungsprojekt von Dr. Konstanze Baron (IZEA, Halle)

Der entscheidende Einsatz der Philosophie sei nicht die Theorie, sondern das Leben bzw. die Lebensführung der Philosophen – so die These des französischen Philosophiehistorikers Pierre Hadot mit Blick auf die Antike. Ob und wie genau sich diese These auch für die Epoche der Aufklärung fruchtbar machen lässt, will das 2013 gestartete Forschungsprojekt überprüfen. Ziel ist nicht nur, die von Hadot vorgeschlagene Periodisierung der europäischen Philosophiegeschichte im Hinblick auf ein mögliches antikes Erbe in der Aufklärung zu differenzieren, sondern auch das Selbst- und Rollenverständnis von Philosophen des 18. Jahrhunderts inhaltlich genauer zu erhellen. Zu diesem Zweck sollen Biographien, Memoiren, Viten und weitere biographische Textformen der europäischen Aufklärung als Medien philosophischer Selbstverständigung und -positionierung untersucht werden; das Genre der (Auto-)Biographie, das bisher vor allem im Kontext bürgerlicher Subjektivierungsformen verhandelt wurde, soll als genuiner Bestandteil aufgeklärten Philosophierens sichtbar und verständlich gemacht werden.

In Zusammenarbeit mit dem Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA) in Halle/Saale.


Carmen Bartl[carmen.bartl[at]gmail.com]
“Schiller und Freud: Vom Erhabenen zur Sublimierung. Eine kulturwissenschaftliche Geschichte der Triebe”

Die zwei Titelautoren bilden die Eckpunkte der Geschichte eines dualistischen Modells der Triebe (Selbsterhaltung vs. Selbstzerstörung), die in meiner Dissertation von Kants “Theorie des Himmels” (1755) bis Herbert Marcuses soziologischem Modell im 20. Jahrhundert untersucht wird. Dieses dualistische Modell in seiner neuzeitlichen Fassung, so meine Argumentation, stammt aus der Physik (genauer aus der Astronomie, mit Kants Attraktion und Repulsion) und hat sich den Weg durch mehrere Disziplinen wie Biologie, Ästhetik und Psychoanalyse gebahnt. Die Dissertation konzentriert sich auf Schillers theoretische Werke, insbesondere auf seine frühen Werke zur dualistischen Natur des Menschen und unterstreicht hierdurch auch eine weniger bekannte Seite Schillers: Schiller als Philosoph der Körperlichkeit (oder, wie Husserl sagen würde, des “Leibes”) und nicht nur der Kunst. Auch Freuds spätere Triebtheorie erweist sich als von seiner Schiller-Rezeption genährt.

Von Schiller bis Freud lässt sich auch ein anderer Ideenfaden ziehen: vom Erhabenen zur Sublimierung. Beides sind Strategien zur Bewältigung der Triebe; sie stellen die Überwindung natürlicher Kräfte sowie leiblichen oder psychologischen Leidens durch die Macht des Geistes dar. Was Schiller und Freud hier aber trennt, ist ihre unterschiedliche Einstellung gegenüber der Frage, ob und inwiefern der Mensch seine Triebe zu bewältigen vermag. Sowohl in den naturwissenschaftlichen Schriften als auch in seiner Ästhetik (in der Theorie des Erhabenen) zeigt Schiller eine optimistische Anlage hinsichtlich der Triebbewältigung. Für Freud dagegen gelingt die Sublimierung kaum noch; anstatt die befreite Energie in kreative Arbeit umzuwandeln, mündet der Prozess der Verarbeitung des Leidens in der Neurose. Diese Veränderung von Schiller zu Freud ist, so meine Argumentation, mit dem Entdecken und Auslegen des II. Gesetzes der Thermodynamik verbunden, das das Denken des 19. Jahrhunderts disziplinenübergreifend geprägt hat. Das Konzept der Undichtheit im thermodynamischen Denkmodell ließ die Idee einer in sich geschlossenen Ökonomie der Triebe als immer weniger wahrscheinlich erscheinen. Das Erhabene und die Sublimierung, als Strategien einer erfolgreichen Re-Integration exzessiver elementarer Energien und einer dialektischen Aufhebung dieser Energien auf eine höhere geistige Stufe, bleiben damit für Freud außerhalb der praktisch einsetzbaren existenziellen Möglichkeiten des Menschen.


Nadine Hartmann[hartmannnadine0[at]gmail.com]
„Das was zu nichts nützt“ – exzessiver Sinn in Heterologie und Triebokönomie“

Mein Interesse an dem Werk Georges Batailles gilt seinem Begriff der Erfahrung. Besonders den Grenzerfahrungen, die sich dem sprachlich Artikulierbaren entziehen, versucht sich Bataille in seinen Texten auf notwendig indirektem Wege zu nähern. Die Theorie, mit deren Hilfe er diese Aufgabe reflektiert, nennt er Heterologie. Die Heterologie ist die Lehre vom „Anderen“, gewidmet der konsequent nicht-idealisierenden Beschäftigung mit verfemten Bereichen des menschlichen Erlebens, die in den Prozessen homogener Wissenschaftsysteme notwendig ausgeschlossenen bleiben, da sie mit Mitteln des Vernunft- , Urteils- oder Einbildungsvermögens nicht sinnvoll zu erschließen sind. Die Texte Batailles stellen Versuche dar, das Alltagsleben – im Batailleschen Terminus: das Homogene – überschreitende Erfahrungen von Verausgabung, Nutz- und Ziellosigkeit sowie der Suspendierung des durch Differenzen definierten Subjekts zu artikulieren. In jener Bewegung der Überschreitung verortet Bataille das Moment der Souveränität, welches Zugang zum Heiligen und Ausbruch aus der Welt des Profanen bedeutet.

Ich möchte versuchen herauszustellen, dass sich über gemeinsame Bezugspunkte in der Mystik bei Bataille und Lacan eine theologische Grundlage als Charakteristikum sowohl von Psychoanalyse als auch von Heterologie zeigen lässt, da die Psychoanalyse die Wissenschaft ist, der es um einen auf emphatische Weise entgrenzten Begriff der Erfahrung geht, für den die „Entdeckung“ des Unbewussten womöglich nur ein erstes Indiz ist.

Besonders in dem Versuch, ein eigentümliches, ‚todesgetriebenes‘ Genießen zu ergründen, setzen sich nicht nur Bataille und Lacan, sondern auch Julia Kristeva mit Schriften und Darstellungen der Mystiker/innen auseinander. Dieses ziellose und außerhalb der linearen Zeit stehende Genießen soll hier auch in seiner ästhetischen Dimension begriffen werden. Neben den genannten zeitgenössischen Philosophen sollen an dieser Stelle auch die Schriften Jean-Luc Nancys berücksichtigt werden, der unter ausdrücklichem Verweis auf Bataille die Kunst als Teilhabe an einem wesentlich exzessiven Sinn begreift, dessen Bewegung grundsätzlich nicht zur Ruhe kommt und damit über das Kantische ‚interesselose Betrachten‘ und die ‚belebende Wirkung‘ ästhetischer Lust hinausgeht.


Chantal Marazia[chantalmarazia[at]gmail.com]
Anatomies of Gesture. Towards a History of the Tic

In recent years, movement disorders have turned into objects of renewed interest within both, the medical and the human sciences. The bulk of the scholarship, however, has confined itself to only the spectacular and seemingly prototypical instances, most notably Tourette Disorder, paying only cursory attention to the wider, and far more elusive, domain of tics. In virtue of their wide diffusion and prominence in XIX and early XX-century western culture, tics provide an important historical subject in their own right. However, what makes it especially valuable as a tool for approaching and deconstructing medical knowledge is its location between the normal and the pathological: on an ideal line between these two extremes the tic has occupied virtually all positions. Moreover, the tic cuts through, and provides access to, wider issues of great prominence for the medical knowledge and, indeed, for the bourgeois culture the time, such as the control of will, the consolidation of habits, the interpretation of the gesture as a vehicle of conscious and unconscious meanings, the perception of disease and of its ways of transmission and the relationship between symptom, stigma and proper disease. This is why the history of the tic cannot be divorced form an understanding of the assumptions and concerns of fields other than the medical, such as philosophy, psychology, anthropology, pedagogy and sociology. Aim of this study is to identify and bring to the fore an organic framework of converging knowledges and practices calibrating the human gesture, from its conceptual definition to its active manipulation. My aim is to tackle the multifarious processes of confrontation, negotiation and struggle among different perspectives and authorities that gave shape to this system.


Inga Schaub[ingaschaub[at]gmx.de]
Bilder guter Trauer

Die kulturwissenschaftliche Thanatologie hat mit der „neuen Sichtbarkeit des Todes“ (vgl. Macho und Marek 2007) eine griffige Diagnose formuliert, mittels derer an immer mehr Stellen der vielzitierte Topos der Todesverdrängung, mit dem unser Umgang mit Tod und Sterben lange beschrieben wurde, in Frage gestellt wird. Mein Dissertationsprojekt schließt hier an und untersucht, ob die Diagnose der „neuen Sichtbarkeit des Todes“ sich auch auf die Trauer übertragen lässt. Es fragt darüber hinaus, welche Formen guten und schlechten, gesunden und pathologischen, angemessenen und unangemessenen Trauerns mit neuen Sichtbarkeiten der Trauer verbunden sind.

Ausgangspunkt des ersten Teils meines Dissertationsvorhabens ist die psychologische Verwissenschaftlichung von Trauer, die durch ihre Ent-Ritualsierung, Emotionalisierung und Individualisierung im 19. und frühen 20. Jahrhundert möglich wird. Auf der Basis einer wissenschaftshistorischen Betrachtung psychologischer Trauerforschung von Freuds „Trauer und Melancholie“ bis zu den aktuellen Diskussionen um komplizierte Trauer will ich nachweisen, welche Rolle die Zeitlichkeit, der Verlauf und die Beendbarkeit von Trauer für ihre Normierung und Normalisierung gespielt haben.

Gerade die Vorstellung, dass Trauer auf ihr eigenes Ende hin angelegt sei, kritisieren zeitgenössische philosophische Positionen, die danach fragen, wie das Verhältnis von Trauer als privatem, innerpsychischen Affekt einerseits, und öffentlichen und kollektiven Formen der Trauer andererseits konzeptualisiert werden kann. Konzepte wie das der „Betrauerbarkeit“ bei Judith Butler und vergleichbare Argumentationen besetzen eine Schnittstelle von individueller und kollektiver Trauer, und versuchen über von dort aus politische und ethische Dimensionen der Trauer auszuloten. Im zweiten Teil meines Dissertationsvorhabens will ich untersuchen, wie in diesen philosophischen Positionen die normativen Vorstellungen guten Trauerns, mit denen die Psychologie operiert, verkehrt werden.

Ausgehend von diesen Überlegungen werde ich im letzten Teil der Dissertation Analysen ausgewählter fotokünstlerischer Positionen, die sich mit Trauer und Verlust beschäftigen, vornehmen. In deren ästhetischer Logik werden die mit der Psychologisierung der Trauer einhergehenden Tendenzen ihrer Normierung und Pathologisierung diskutiertbar gemacht. Durch den Fokus auf das Bild rückt zudem eine Frage ins Blickfeld, die zuvor unsichtbar bleiben musste, nämlich inwiefern eine Antwort darauf, was gute Trauer sei, immer entzogen ist und somit unmöglich bleiben muss, wenn Trauer vom Anderen her gedacht wird.


Antonin Wiser[antonin.wiser[at]unil.ch]
Die Arbeit des Vergessens und des Körpers in autobiographischen Schriften. Untersuchungen in literarischer Ästhetik (W. Benjamin, R. Barthes, P. Quignard)

Was kann man über das Vergessen in autobiographischen Schriften sagen? Ist es nur dasjenige, was keinen Platz in den Erinnerungstexten findet – oder kann man seine weißen Spuren zwischen den Zeilen lesen?

Es geht in diesem Forschungsvorhaben um die Möglichkeit, das Problem und die Position des Vergessens im Sich-Selbst-Schreiben (écriture de soi) zu denken. Wenn das Vergessen nicht nur eine grundlegende Lebensbedingung darstellt – wie Borges (nach Nietzsche) im "Funes el memorioso" das meinte – sondern auch eine Grundbedingung des Archivs (Pontalis, Weinrich) ist, so scheint die autobiographische Schrift, die auf das Leben mit Archivmitteln zugreift, ein privilegiertes Ort für die Untersuchung dieses "fotographischen Negativs" der Erinnerung zu sein. Um dieser Frage nachzugehen, werde ich eine spezielle Perspektive einnehmen, die ich anhand eines Umwegs über das Schreiben-des-Körpers (écriture du corps) entwickeln werde. Wenn der biographische Text mit der bewussten Erinnerung arbeitet, die durch den Geist im Lauf des Schreibens in Bewegung gesetzt wird, wäre es dann nicht möglich, das Vergessen in dem zu lesen, was sich dem herrischen Bewusstsein des Schriftstellers entzieht, was sich dieser bewussten Herrschaft widersetzt : in dem, was zum Körper gehört? Mit Freud und Benjamin werde ich die körperliche Materialität als Einschreibungsraum desjenigen begreifen, was im Gedächtnis nicht gespeichert wird. So werde ich die Spuren des Körpers in autobiographischen Texten von Walter Benjamin (Berliner Kindheit), Roland Barthes (Roland Barthes par Roland Barthes) und Pascal Quignard (Le nom sur le bout de la langue) als "zweite Schrift" des Vergessens zu lesen versuchen.